Depression aus Sicht der klassischen chinesischen Medizin (TCM) – Teil 1/2

Um die Herangehensweise der klassischen chinesischen Medizin (TCM) an das Thema „Depression“ zu verstehen, ist es hilfreich, das klassische chinesische Medizinkonzept mit dem westlichen schulmedizinischen zu vergleichen.

Depression – Klassische chinesische Medizin (TCM) – Teil 1

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Der westliche Medizinansatz basiert auf einem kausal-analytischen Wissenschaftsansatz und dieser wiederum auf einem kausal-analytischen philosophischen Ansatz. Das bedeutet, der Mensch wird anhand der strukturellen Manifestation beschrieben und definiert. Alle Prozesse und Funktionen werden dann kausal von dieser definitorischen Struktur abgeleitet. In dieser Tradition wird der Körper (Soma) als Grundlage (Ursache) für die Psyche verstanden. Bei einer prinzipiellen schulmedizinischen Diagnose wird daher nach einer quantifizierbaren Abweichung vom strukturellen Modell, in kausaler Beziehung zum Krankheitssymptom gesucht. Das Ergebnis ist dann der Befund.

Durch den Vergleich mit einem Normmodell werden Krankheiten unabhängig von einer konkreten Person definiert und es können standardisierte Therapien erstellt werden. Die Therapiephase zielt dann auf die strukturelle Angleichung an die relative Norm ab (z.B. mit Chirurgie, Medikamenten), mit der Erwartung einer funktionalen Veränderung. Dieser Ansatz hat in Beziehung zu einer spezifischen Gesellschaftskultur konkrete Möglichkeiten und Grenzen.

Allerdings nimmt die Psychotherapie in der Schulmedizin eine Ausnahmeposition ein, da dieser Bereich nicht konsequent auf dem kausal-analytischen Ansatz „Soma zu Psyche“ basiert, sondern auch eine Kausalumkehrung „Psyche zu Soma“ (Psychosomatik) zulässt.

Yin & Yang

Urheber: Toncsi

Im Unterschied dazu basiert der klassische chinesische Medizinansatz (TCM) auf einem konditionalen Wissenschaftsansatz, der wiederum auf einem konditionalen philosophischen Ansatz (philosophischer Daoismus) beruht. Das bedeutet, der Mensch wird zunächst als Prozessgefüge verstanden und dann durch die Bedingungen erklärt, unter denen die jeweiligen Prozesse ablaufen. Dabei ist der Mensch einerseits getrennt und anderseits Teil der Umwelt. Es besteht ein transformatorisches Vergehen und Werden in und aus der Umwelt heraus. (Sein/Nichtsein-Gefüge)

Es wird also nicht durch ein definitorisches Abgrenzen beschrieben, sondern durch das individuelle Trennungs- und Verbindungsverhältnis des Menschen zum Bedingungsgefüge. Dadurch befinden sich dann Struktur und Prozesse auf derselben Bedeutungsebene und sind in keiner Kausal-Hierarchie. Dieser Ansatz legitimiert sich durch das Konzept der Nicht-Absolutheit der objektiven Realität.

In einer prinzipiellen chinesischen Diagnose wird daher gefragt: Was sind die relevanten Bedingungen, unter denen dieser Prozess (Krankheitssymptom) so abläuft? Auf Grund des konditionalen Medizinansatzes gilt diese Herangehensweise natürlich bei somatischen Problemen genauso wie bei psychischen Erkrankungen. Dieses Beziehungsgefüge zwischen Prozess und Bedingungen ist der Befund und wird „Muster“ (Disharmonie-Muster) genannt.

Da es keinen Vergleich mit einem Modell gibt, sondern immer das individuelle Beziehungsgefüge beschrieben und beurteilt werden muss, können keine Krankheiten unabhängig von einer konkreten Person bestimmt werden. Eine Krankheit und die Therapie sind somit immer individuell (z.B. hat eine Gruppe Asthmatiker westlich gesehen dieselbe Krankheit, aus chinesischer Medizinsicht (TCM) aber unterschiedliche Krankheiten mit zum Teil gemeinsamen Symptomen). Die Therapiephase fokussiert sich auf die Änderung der relevanten Bedingungen, um auf den davon abhängigen disharmonischen Prozess Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig wird der Prozess selbst stimuliert, um eine zeitnahe Anpassung an die neuen Bedingungen zu fördern. Auch dieser Ansatz hat in Beziehung zur jeweiligen Gesellschaftskultur konkrete Möglichkeiten und Grenzen.

Wichtig: Sowohl Schulmedizin als auch Chinesische Medizin (TCM) sind philosophisch legitim und verhalten sich zueinander komplementär.

Aus klassischer chinesischer Sicht stellt der Mensch ein Sein/Nichtsein-Gefüge dar, was sich in einem spezifischen Verhältnis aus Trennung und Verbindung in Bezug zur Umwelt befindet. Einer der wichtigsten Punkte zum Verständnis psychischer Erkrankungen aus chinesischer Medizinsicht (TCM) ist also die Gleichbedeutung, die Nicht-Trennung von Psyche und Soma. Geist und Körper werden nicht als zwei Teile verstanden, die zusammenarbeiten, sondern als ein Ganzes mit unter anderem diesen zwei Aspekten. Die Psyche ist Ausdruck der Veränderungsrichtung des relativen Seins und das Soma ist die momentane Manifestation des Trennungs- und Verbindungsverhältnisses.

Auf Grund der Nicht-Absolutheit der objektiven Realität ist alles in einem Wandlungszustand. (Fluss) So ist der Mensch und die Umwelt steter Veränderung unterworfen und damit auch das Verhältnis zueinander. Daraus ergibt sich ein ständiger Anpassungsbedarf. (Veränderungsbedarf)

Dieser Anpassungsbedarf drückt sich über die emotionalen Regungen und Bedürfnisse aus. Bei einer Stagnation dieser Anpassung kommt es zur Diskrepanz zwischen Mensch und Umwelt (Erkrankung) mit entsprechenden Symptomen auf den verschiedenen Wandlungsebenen. Dabei gibt es immer psychische und physische Symptome.

Es ist für eine chinesische Therapie wichtig, einen westlichen schulmedizinischen Befund nicht in eine chinesische Diagnose zu übernehmen, sondern diesen als komplementären Befund eines anderen Medizinsystems einzuordnen.

Um eine fachlich kompetente Diagnose und Therapie im Sinne der Klassischen Chinesischen Medizin (TCM) durchzuführen, bedarf es natürlich des Verständnisses weiterer Folgekonzepte auf der Basis des oben genannten Grundansatzes. Dazu gehören die Bedingungsgruppen zu denen der Mensch in Beziehung gesetzt wird.

Diese Gruppen sind:

  • Konstitutionsphasen und Zustand
  • emotionales Gefüge
  • Lebensweiseaspekte
  • Umgebungseinflüsse.

Dann müssen die Mechanismen der Wechselwirkung dieser Bedingungen verstanden werden und die Symptome bei entsprechender Stagnation identifiziert werden können.

Die grundsätzlichen Anpassungsbedürfnisse ergeben die emotionalen Hauptziele:

  • Streben nach Trennung (Individualität, Ego, Ich-Sein, Selbst, Allein-Sein)
  • Streben nach Verbindung (Gruppe-Sein, Nicht-Allein-Sein, Selbstlosigkeit, Teil sein von Nicht-Ich)

Ein Maßvolles Verhältnis dieser beiden Bedürfnisse und eine passende Anpassungsgeschwindigkeit ergeben:

  • Emotionales Wohlbefinden
  • psychische Gesundheit
  • …und natürlich auch die physische Gesundheit

Eine Stagnation dieser Anpassungsbewegung ergibt Disharmonie.

So sind alle einfachen und komplexen psychischen Probleme grundsätzlich Missverhältnisse von Trennung und Verbindung auf den unterschiedlichen Anpassungsebenen.

> Trennungsstagnation „dian“ ist prinzipiell Rückzug.

> Verbindungsstagnation „kuang“ ist prinzipiell Manie.

Für eine genaue Beschreibung eines Zustandes müssen die Trennungs-/Verbindungsstadien weiter differenziert werden.

In der Klassischen Chinesischen Medizin (TCM) werden dazu die Fünf Wandlungsstadien (Wu Xing) unterschieden:

Wu Xing - Beziehungen - Klassische Chinesische Medizin (TCM)

Wu Xing – Beziehungen – Thammavong – Schule & Beratungszentrum für Klassische Chinesische Medizin (TCM)

  • Wasser (relatives Sein): relative Stabilität von Trennungs- und Verbindungskonstellation; Leitemotion: Angst
  • Feuer (relatives Nicht-Sein): relative Instabilität von Trennungs- und Verbindungskonstellation; Leitemotion: Freude
  • Holz (relatives Vergehen): vom System weg gerichtetes Vergehen; Leitemotion: Unzufriedenheit
  • Metall (relatives Werden): zum System hin gerichtetes Werden; Leitemotion: Trauer
  • Erde (Transformation): Beziehung zu anderen Systemen; Leitemotion: Sorge

Alle Leitemotionen sind notwendiger Ausdruck der menschlichen Anpassungsnotwendigkeit und Wesen einer psychischen Gesundheit. Der maßvolle Wandel ergibt ein emotionales Zufriedensein. Erst eine entsprechende Stagnation dieser emotionalen Umwandlung gilt als Disharmonie. Dabei ist wichtig, auf welche Prozessebene sich eine Stagnation etabliert. Die jeweilige Ebene wird durch die entsprechenden Haupt- und Nebensymptome bestimmt. Jede emotionale Stagnation kann Symptome einer Depression manifestieren.

3 Ebenen der Transformation - Klassische Chinesische Medizin (TCM)

3 Ebenen der Transformation – Thammavong – Schule & Beratungszentrum für Klassische Chinesische Medizin (TCM)

Tipp: Lesen Sie demnächst unseren Teil 2 der Reihe “Depression aus Sicht der klassischen chinesischen Medizin (TCM)” – Wir freuen uns über Ihren Besuch!

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