Depressionen: Hilfe durch tiefe Hirnstimulation
Innerhalb der letzten Jahrzehnte avancierten Depressionen in den Industrienationen zu einer wahren Volkskrankheit. Die Möglichkeit, den niedergedrückten Seelenzustand mit Hilfe von „Glückspillen“ – so genannter Antidepressiva – zu beseitigen, scheint dabei verlockend einfach. Doch besonders bei Patienten, deren Depressionen in Folge eines Schicksalsschlages oder einer belastenden Lebenssituation entstanden, ist eine rein medikamentöse Therapie häufig nicht ausreichend. In vielen Fällen empfehlen sich daher psychologische Maßnahmen wie Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Analyse. Weiterhin stehen alternative Heilverfahren wie Licht- oder Hypnosetherapie zur Verfügung.
Trotzdem gibt es zahlreiche Betroffene, bei denen die herkömmlichen Behandlungsmaßnahmen nicht anschlagen. Für diese Patienten gibt es jedoch seit Kurzem neue Hoffnung. Mediziner der Universitätskliniken Bonn und Köln haben einen Zusammenhang zwischen Depressionen und einer Störung des Belohnungszentrums des Gehirns entdeckt. Zur Stimulation dieses Areals implantierten die Ärzte zehn erkrankten Personen Elektroden, sprich eine Art elektrische Schrittmacher, wie sie vereinzelt auch zur Behandlung der Parkinsonschen Krankheit verwendet werden. Mit erstaunlichem
Erfolg: Die Hälfte der Patienten verspürte innerhalb weniger Tage nach dem Einsetzen der Elektroden eine deutliche Verbesserung der depressiven Anzeichen. Auch ein Jahr später hatte die Behandlung nichts von ihrer Wirksamkeit eingebüßt, da im Gegensatz zu medikamentösen Therapien keinerlei Gewöhnung eintritt. Hin und wieder beobachteten die Mediziner das Auftreten unspezifischer Ängste bei den Patienten. Die Hirnfunktionen wurden jedoch nicht beeinträchtigt.
Der Effekt der tiefen Hirnstimulation besteht darin, dass der Hirnstoffwechsel langfristig verändert und anregt wird. Die Impulse wirken bis in den Hypothalamus und das limbische System des Hirns, sprich in den Regionen, in denen Erlebnisse und Gefühle verarbeitet werden. Auf diese Weise können schwere depressive Symptome bei bislang therapieresistenten Patienten gelindert und beseitigt werden. Da es sich jedoch grundsätzlich um einen schwerwiegenden und nicht risikofreien Eingriff handelt, muss die Entscheidung für eine Operation sorgsam und individuell abgewogen werden. Auch ethische Aspekte sollten stets in die Fallanalyse mit einbezogen werden.