„Aber hätte er doch etwas gesagt!“ – Depressionen entstigmatisieren

Etwa 1200 Menschen in Österreich nehmen sich jährlich das Leben, und etwa alle fünf Minuten erfolgt ein Selbstmordversuch. Diese erschreckende Quote ergibt sich nur teilweise aus dem landesweiten Mangel an Psychotherapeuten. Denn Depressive – die einen Großteil der Selbstmörder stellen – begeben sich nur in 35% aller Fälle in Behandlung. Der Grund liegt zu großen Teilen in der Stigmatisierung der Krankheit.

Depressionen entstigmatisieren: Warum ist das wichtig?

Depressionen entstigmatisieren

Fotolia © simsalabin1

Stigmatisierung, das heißt: Depressionen sind nicht nur als Gesprächsthema tabu, sondern zusätzlich auch negativ behaftet. Wer zugibt, unter einer Depression zu leiden, gilt als faul – denn sicherlich will er sich so vor Aufgaben drücken – oder als egoistisch – schließlich konzentriert er sich ja offenbar zu sehr auf sich selbst. Deshalb ist nicht nur die Selbstwahrnehmung von Depressiven oft schlecht, sondern sie werden auch von ihrem Umfeld alleine gelassen. Die Folge: Die Verschlechterung ihres Zustands.

Die Stigmatisierung von Depressionen ist zweigeteilt: Zum einen wissen die meisten Menschen nicht genug über die Krankheit – etwa wie sie zustande kommt und wie sie den Erkrankten einschränkt. Deshalb erkennen viele die Symptome zu spät. Zweitens führen Ablehnung und der stümperhafte Umgang mit Betroffenen zu Mehrbelastungen für die ohnehin labilen Personen. Insgesamt ist die hiesige Gesellschaft nicht hinreichend auf den Einfluss sensibilisieren, den psychosoziale Gesundheit auf den Gesamtgesundheitszustand jeglicher Menschen nimmt.

Psychosoziale Gesundheit verbessern: Was können wir tun?

Wir alle können einen Beitrag dazu leisten, das Thema zu entstigmatisieren und die Situation Depressiver dadurch zu verbessern – ob wir glauben, Personen mit der Diagnose Depression zu kennen, oder nicht. Denn statistisch gesprochen ist in einem Raum mit zehn Personen eine davon depressiv. Deshalb ist es wichtig, im Gespräch mit scheinbar gesunden Freunden oder Kollegen abwertende Äußerungen über das Thema zu vermeiden. Natürlich ist ärgerlich, dass sich die Bahn wegen eines Schienenselbstmords verspätet. Doch anstelle des Ärgers über die mangelnde Rücksichtnahme dieser schwersterkrankten fremden Person könnten Gedanken angestoßen werden wie: „Er muss sehr gelitten haben, um so etwas zu tun“ oder: „Wir wissen ja nicht, was in ihm vorging.“

Obwohl acht von zehn Selbstmördern ihren Selbstmord zuvor ankündigen oder darüber sprechen, heißt es im Nachhinein oft: „Aber hätte sie doch etwas gesagt!“ oder „Das haben wir nicht kommen sehen!“ Denn das Thema ist angstbehaftet, so dass viele die Signale instinktiv ignorieren. Unternehmen Depressive den Versuch, über ihre Krankheit zu sprechen, ist besonders wichtig, ihre Erfahrungen nicht zu bewerten. Eine typische Reaktion: „Aber so schlimm ist es doch nicht, oder?“ Das erleichtert, wertet jedoch die Erfahrungen des Depressiven ab. Besser: ein offenes Ohr anbieten, zuhören und Fragen zu stellen.

Das Gegenteil von Stigmatisierung ist Normalisierung. Meiden Sie das Thema bei der nächsten Unterhaltung nicht. Versuchen Sie, die Perspektive des Depressiven miteinzubeziehen, anstatt ein weiteres Gespräch darüber zu führen, wie sehr die Gesunden unter den Depressiven zu leiden haben.

Tipp der Redaktion: Haben Sie Fragen zum Thema Depression? Schreiben Sie uns.

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